Sonntags früh in meinem Viertel


Es ist Sonntagmorgen. Ich bin zeitig munter und beschließe, ausnahmsweise ein guter Ehemann und Vater zu sein und meiner Familie Brötchen zu holen.

Als ich um eine Straßenecke biege, passiert es. Ich höre einen unterdrückten Schrei und sehe, wie ein junger Mann eine Blondine sehr unsanft in einen Hauseingang zerrt. Sie wehrt sich heftig, dann plauzt die Haustür zu und ich denke: „Scheiße!“

Vor meinem inneren Auge spielen sich allerhand Horrorszenarien ab. Der Typ macht sie vielleicht kalt. Ich muss mich doch nicht etwa meiner Angst und vielleicht einem miesen Schlägertypen stellen, den ich gar nicht richtig gesehen habe, der aber wahrscheinlich über mehr Muskeln verfügt, als ich (Ach was, mit Sicherheit!) und der, wenn er Frauen schlägt, in seinem Blutrausch garantiert auch nicht vor einem mickrigen Brillenträger wie mir Halt macht? Und wenn ich jetzt was unternehme und mich einmische und das dauert länger, weil ich krankenhausreif geprügelt werde oder erst mal die Pullerflecken aus meiner Hose im Waschsalon drei Häuser weiter saubermachen muss, dann bekommt meine Familie keine Brötchen und macht sich Sorgen. Und damit hätte sie Recht. Während meine Gedanken noch an der Straßenecke stehen und Für und Wider von Zivilcourage im Alltag abwägen, ist mein Körper schon losgerannt und rüttelt an der Tür, aber die geht nicht auf. Von drinnen kann ich noch lautes Schreien hören, dann ist alles still. Was soll ich nur machen? Ich habe die Botschaft für diesen Tag verstanden, sie lautet: „Einfach weitergehen ist nicht drin.“

Neben dem Haus ist ein kleines Café, dessen Tür offen steht. Ich renne hinein, die Stühle sind hochgestellt, in der Ecke sitzt ein älterer Herr mit grauem Schnurrbart, wahrscheinlich der Inhaber, der nur mal lüften wollte und den ich aus seinen Träumereien reiße. Er blickt müde zu mir hoch. Ein Teil von mir klinkt sich aus und beobachtet den anderen Teil von mir, der hysterisch Worte wie „Mann“, „Frau“ und „Polizei“ in den Raum hineinruft. Beim Wort „Polizei“ wird der ältere Herr putzmunter, steht auf und baut sich auffällig nah vor mir auf. „Nix Polisssei! Polisssei warum? Wasss los, du?“

Der Hysteriker und der Beobachter verschmelzen wieder zu meinem kompletten Ich und erklären dem graubärtigen Mann so langsam wie möglich, was ich beobachtet habe. Er versteht nichts, schüttelt nur den Kopf und wiederholt, als wäre es eine Zauberformel, die böse Geister vertreiben könnte: „Nix Polisssei!“
Ich sehe mich gezwungen, nun eine Ein-Mann-Pantomimen-Performance mit erklärenden Substantiven aufzuführen. Durch den Raum trippelnd, versuche ich, mich selbst würgend, in einen imaginären Hauseingang zu zerren und rufe dabei wieder und wieder: „Mann“, „Frau“ und „Gewalt“ (das böse Wort „Polizei“ lasse ich lieber weg).

Und ein Wunder geschieht. Semantik manifestiert sich. Die Botschaft findet einen Empfänger.

Und er fragt: „Hier in diese Haus? Krass! Isch mach disch das Tür offen!“ Dann treibt er mich zum Café hinaus, verriegelt hinter mir die Tür, zeigt aufs Nachbarhaus und ruft durch die Scheibe: „Gehst du vor, nebenan, isch komm von das drinnen,“  und verschwindet im Dunkel. Wer kann da widersprechen?

Ich gehe also wieder vor die Tür, durch die die Blondine gezerrt wurde und warte, dass mir der Graubärtige von innen öffnet. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit. Wieder gehen mir allerhand unangenehme Gedanken durch den Kopf. Was passiert eigentlich, wenn ich den Typen und das Mädchen wirklich antreffe? Was sage ich denn da? Na wenigstens ist der Cafébesitzer dabei. Schlüssel klappern im Schloss, die Tür geht auf und der Graubärtige sagt: „Is niemand da. Guggst du!“

Ich trete in den Hausflur und horche. Erstaunlich ruhig. Aber es ist ja auch Sonntag früh. Dann knallt in einem der oberen Stockwerke eine Tür und ich höre eine schrille Frauenstimme, die sich über irgendwas beschwert. Ein Mann antwortet. Ich höre, wie die Schritte der beiden die Treppen herunter kommen. Der Graubärtige blickt mich an und flüstert: „Das da? Mann, Frau, Gewalt?“ Ich flüstere zurück: „Ich weiß nicht. Mal sehen.“ Er nickt und sagt: „Nix Polisssei!“

Die Blondine kommt schluchzend die Treppe runter getorkelt. Sie ist knatteldicht, kann kaum geradeaus laufen und stolpert an uns vorbei zur Haustür raus. Dann kommt der Typ runter, läuft schnell an uns vorbei, öffnet die Haustür und brüllt ihr hinterher: „Warte doch ma, ey! Wo willst’n jetzt hin, Claudia?“

Claudia schafft es gerade noch, ihm ein „Lammi-inruäää-duaaaasch“(Ich vermute: „Lass mich in Ruhe, du Arsch!“) zuzubrüllen, dann übergibt sie sich an eine Laterne und verschwindet, sich schluchzend den Mund wischend, um eine Häuserecke. Bedattert steht der Typ an der Haustür. So muskulös sieht er aus der Nähe betrachtet doch nicht aus und ich traue mich, ihn mit dem blöden Satz: „Ist hier alles in Ordnung?“ anzusprechen. Er stiert stur zu der Häuserecke, um die Claudia gerade verschwunden ist. „Nichts ist in Ordnung!“

Der Graubärtige hat sich mittlerweile ebenfalls aus dem Staub gemacht. Ich atme tief durch und versuche, doch meinen ganzen Mut zusammen zu nehmen. „Ich habe beobachtet, wie Du sie sehr unsanft in dieses Haus rein gezerrt hast. Und da habe ich mir schon ein bisschen Sorgen gemacht.“

Irgendwas muss man ja sagen.

Er seufzt und sagt: „Ja, das war meine völlig besoffene Freundin, die mich heute früh aus dem Schlaf geklingelt hat und die ich gerade mit’m Auto nach Hause bringen wollte. Die hat aber nicht mit sich reden lassen. Siehst ja, wie die drauf ist.“ Wir werfen einen Blick zu der vollgekotzten Straßenlaterne und ich bin nicht schlagfertig genug, zu sagen, dass ich in der Tat sehen kann, was in ihr steckt.

Der Typ schneuzt sich unschön und fragt mich dann: „Sag ma, ey, kannste mir ma helfen, mein Auto anzuschieben? Da is der Anlasser kaputt.“ Ohne meine Antwort abzuwarten, schlurft er zu seinem silbergrauen Honda, der mitten auf der Straße steht. Beim Laufen hängt ihm der halbe Hintern aus der Hose. Seine fehlende Unterwäsche deutet auf ein hastiges und unsystematisches Ankleiden hin und scheint die Claudia-Geschichte zu bestätigen, die er mir erzählt hat.

Gemeinsam schieben wir sein Auto an, er springt rein, der Motor startet und ich stehe allein mitten auf der Straße, die plötzlich totenstill ist.

Aus irgendeinem Grund muss ich kurz laut auflachen. Und obwohl ich gar keinen Hunger mehr habe, gehe ich trotzdem Brötchen holen. Ich will ja ausnahmsweise ein guter Ehemann und Vater sein.