Das Lachen vom Herrn Fuchs


Heute starb mein Großvater, Herbert Kadelbach. Er wurde 90 Jahre alt.

Das Erste, was ich immer mit ihm in Verbindung bringen werde, ist das Gefühl von Behaglichkeit im Winter. Sicherlich verbinden sich in meinen Kindheitserinnerungen viele voneinander losgelöste Begebenheiten zu einem einzigen Gefühlserlebnis. Aber es ist ein Wintermorgen, an dem ich mit 4 oder 5 Jahren zu Besuch bin bei meinen Großeltern. Ich habe dort übernachtet, wir sitzen am Frühstückstisch in der warmen und gemütlichen Wohnung, am Fenster sind Eisblumen und es schneit draußen. Mein Opa nimmt aus seiner gigantischen Schallplattensammlung eine Platte heraus – es ist Tschaikowskys „Nussknacker Suite“. Das Zimmer ist erfüllt vom Zauber der Melodie des „Tanzes der Zuckerfee“ und in dieses Winterbild – draußen ist es kalt, drinnen ist es warm und du bist hier in Sicherheit, Micha – lachte mein Opa sein ganz eigenes Lachen.

Wenn man als Kind in der DDR aufgewachsen ist, kennt man dieses Lachen. Im Sandmännchen gab es „Herr Fuchs und Frau Elster“. Mein Opa lachte genauso wie Herr Fuchs. Ich habe als Kind immer geglaubt, er sei derjenige, der im Fernsehen lacht, wenn der Fuchs lacht und ruft: „Kreuzspinne und Kreuzschnabel!“

Er hat viel gelacht und noch viel mehr gelächelt und seine Augen haben gefunkelt und geschmunzelt und geblinzelt. Und dann hat er von früher erzählt, je älter er wurde, desto mehr. Und in seinem Lächeln liegt das Mysterium meines Opas für mich. Wie kann ein Mensch so eine tiefe innere Freude ausstrahlen, der das erzählt, was er da erzählt?

Sein Winter 1944 ist das Gegenbild zu meinem Winter. Da saß mein Großvater als 14-jähriger Flüchtling aus Schlesien in einem kalten Viehwaggon, während um ihn herum die Leute starben. Das hat er dann immer mal so erzählt, wenn er anfing zu reden. Er sprach dann auch viel von Schlesien, seiner Heimat. Er kam aus Hermsdorf unterm Kynast (heute Sobieszów), konnte hunderte Gedichte im schlesischen Dialekt zitieren und Lieder singen, die er in seiner Kindheit mal gelernt hatte. Irgendwie schaffte es seine ganze Familie, den Krieg zu überleben und ließ sich in Görlitz nieder. Und obwohl seine Mutter die Flucht und Krieg überstanden hatte, kam sie dort in den 50er Jahren unter sehr mysteriösen Umständen ums Leben. Opa hat mir nur ein Mal davon erzählt. Sie wurde tot in einem Park aufgefunden, wahrscheinlich ermordet, wahrscheinlich von Russen, was wahrscheinlich niemand öffentlich zugeben wollte in der Besatzungszone.

Was nicht nur wahrscheinlich, sondern ziemlich sicher ist: so wie viele andere Männer seiner Generation war mein Großvater ein schwer traumatisierter Mann, der erst gar nicht, dann ein wenig, und im Alter sehr viel über sein Unglück sprechen konnte. Und trotzdem war er für mich immer der Inbegriff der unbeschwerten Sicherheit.

Er brabbelte manchmal etwas davon, dass es ihm hier und da zwackte und zwickte. Aber er war nie krank. Nie. Vielleicht mal ein ganz leichter Schnupfen. Das hat er mir fast verwundert erzählt, als ich ihn das letzte Mal vor zwei Monaten sah. Er bekam mit Mitte 70 einen Herzschrittmacher und lachte immer wie Herr Fuchs über das Tick, Tick, Tick, was man hören konnte, wenn man den Kopf an seine Brust legte. Manchmal hatte er leichte Aussetzer. Die kamen mal und gingen wieder. Dann musste meine Oma ihm immer wieder sagen, wo er war.

Meine Oma Maria. Seine Frau. Vor einem Monat hatten sie ihren 66. Hochzeitstag. Er hat sie 1955 geheiratet und die beiden haben sich echt geliebt. Ich kann mir das schwer vorstellen, wie das für die beiden war in den piefigen 50er Jahren. Meine Oma hatte schon zwei Töchter und war von ihrem Ex sitzen gelassen worden. Sie kam aus dem erzkonservativen protestantischen Erzgebirge. Und dann kommt mein Opa Herbert, Katholik. Das gab bestimmt viel Gewürge im Gebirge. Und dann haben die beiden 66 Jahre lang eine richtig liebevolle Ehe – mit allem, was für diese Generation so typisch ist. Da ist die Ehefrau auch ein bisschen die Mutti, die umsorgt und der General, der sagt, wo’s lang geht und der Ehemann ist der Handwerker mit enormer Werzeugsammlung und Werkbank im Keller, der das Auto und die Bude repariert.

Opa war Automechaniker. Er hat immer an irgendwelchen Autos rumgeschraubt, auf Arbeit und in der Freizeit. Dadurch kannte er Leute, denn in der DDR war das so. Herbert hat das Auto von jemandem repariert, dafür kriegte seine Frau Maria irgendwo billig eine neue Jacke. Oma hatte viele Jacken. Mein Großvater hat in den 70er und 80er Jahren bestimmt zwei Drittel aller Autos repariert, die in Görlitz und Umgebung rum fuhren. Wenn ich als Kind an seiner Hand durch Görlitz ging, grüßte ihn jeder Zweite auf der Straße. Opa lachte dann sein Herr-Fuchs-Lachen und erzählte mir immer irgendwas Lustiges über diese Person, wenn wir außer Hörweite waren, z.B. „Das war der Napoleon, den nennen wir so in der Werkstatt, weil der immer so rumläuft.“ Und dann lief mein Opa rum wie Napoleon.

Nach der Wende hörte mein Opa auf, Autos zu reparieren. „Die gehen nicht mehr so kaputt wie in der DDR!“ sagte er.

Zur Goldenen Hochzeit, 2005, wollten Oma und Opa noch einmal ihr Eheversprechen erneuern und einen Segen. Der peifige protestantische Pastor von meiner Oma meinte, dass das nicht gehe, weil der Opa ja katholisch sei. Er könne ja konvertieren. Opa ist nicht konvertiert. Er hat nur gelacht, wie der Herr Fuchs. Und dann haben wir das eben zu dritt durchgezogen, im Wohnzimmer meiner Großeltern. Kerze an, die beiden haben sich gesagt, dass sie sich lieb haben und ihr Eheversprechen erneuert und ich hab sie dann gesegnet und wir haben ein bisschen zusammen geweint. Das war schön.

Mit Oma im Arm ist Opa mehrmals die Woche in Görlitz auf den Markt gegangen. Dort gab es dieses junge vietnamesische Pärchen, Duong und Phong. Bei den beiden kauften meine Großeltern immer Obst und Gemüse. Und sie redeten. Eine Freundschaft entstand. Und als Duong und Phong heirateten, war mein Opa der „Papa“, der die Braut zum Altar brachte. Ich machte gerade Abitur, als mein Opa nochmal Opa wurde, ein süßes vietnamesisches Mädchen namens Susi. „Die Susi ist mit einem ganz blauen Po geboren worden!“ sagte mein Opa verwundert und wir erfuhren dadurch, dass das bei 99% aller asiatischen Babys so ist. So wie mit mir, ging Opa später dann auch mit der kleinen Susi an der Hand spazieren. Das war ein Bild! Der grauhaarige feine ältere Herr mit Schnurrbart und dieses kleine süße vietnamesische Mädchen!

Den Schnurrbart hatte er immer schon. Der hat meine Mutter als Kind gestichelt, dann mich. Dann meine Söhne. Ich habe ein Foto von meinem Opa von 2007. Das habe ich direkt aufgenommen, nachdem ich bei einer Familienfeier bekanntgegeben hatte, dass ich Vater werde – und er Uropa. Der Blick! Und was hat der Opa den Justus geliebt! Und später den Ludwig!

Ich werde ihn vermissen. Vor allem, wenn Winter ist und Tschaikowskys Nussknacker zu hören ist.