Verantwortung, Demut, Selbstwertgefühl


Die folgende Rede schrieb ich für meine wunderbare Abiturklasse (13 junge Frauen und ein junger Mann), die ich nun schweren Herzens nach vier Jahren Klassen- und Englischlehrertätigkeit ins echte Leben loslasse. Es ist meiner Ansicht nach nicht nur eine Rede für diese jungen Menschen, sondern ein allgemeingültiger Wunsch an meine Mitmenschen.

Liebe Abiturienten,

eigentlich ist heute ein Tag der Freude für Euch, denn Ihr habt Eure Schullaufbahn erfolgreich abgeschlossen und werdet in wenigen Minuten Euer Abiturzeugnis in den Händen halten. Diese Freude wird allerdings ein kleines bisschen getrübt durch eine etwas traurige Tatsache, der die meisten Erwachsenen in diesem Raum zustimmen werden. Obwohl es dazu keine empirisch nachweisbaren Untersuchungen gibt, können wir alle davon ausgehen, dass Ihr etwa 85 bis 90 Prozent dessen, was Ihr in den vergangenen Jahren gelernt habt, nie wieder benötigen werdet.

Es gibt ein berühmtes Zitat, das Lehrer oft und gerne mit dramatischer Stimme ihren Schülern entgegenschleudern: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ Was nur wenige wissen ist, dass das Originalzitat von dem römischen Schriftsteller und Philosophen Seneca stammt, dort aber der Wortlaut genau andersherum ist. Es heißt bei ihm tatsächlich: „Non vitae, sed scholae discimus.“
Schon Seneca beklagte also, dass die Schule kaum dazu geeignet sei, junge Menschen auf das Leben vorzubereiten – eine Klage, die sich im Lauf der Jahrhunderte kaum verändert hat. Irgendein spitzfindiger Pädagoge mit Lateinkenntnissen meinte dann wohl, er müsse diese pessimistische Aussage in ein Schulkonzept umwandeln und hat das Zitat kurzerhand umgedreht. Und weil es so schön ist, und auch gut als Totschlagargument gegenüber Schülern verwendet werden kann, wird es seitdem in dieser verdrehten Form weitergegeben.

Trotz dieses trübsinnigen Einstiegs meiner Rede wird es Euch vielleicht verwundern, wenn ich Euch von ganzem Herzen meine Gratulation überbringe und ich Euch sagen möchte, dass ich verdammt stolz auf Euch bin. Euch stehen nun mit dem Abitur die Möglichkeiten zum Studium und dem Erlernen von vielen Berufen offen, für die ein Realschulabschluss nicht ausreicht. Viele dieser Berufe können für Euch zu einer tiefen Quelle der persönlichen Bereicherung werden – damit meine ich nicht die materielle Bereicherung, die könnt Ihr getrost vergessen, aber darauf kommt es im Leben auch nicht an.

Damit es so wird und damit Ihr Euren noch langen und sicherlich anspruchsvollen Lebensweg gut weitergehen könnt, möchte ich Euch, meine Lieben, gerne drei Wünsche auf die Reise mitgeben, die ich auch für mein eigenes Leben habe. Ich verwende dabei das Du, auch wenn ich uns alle anspreche, denn dadurch wird es persönlicher.

Hier kommt mein erster Wunsch für Dich: ich wünsche Dir dass Du es schafft, die volle Verantwortung für Dein Leben zu übernehmen.  Was meine ich damit? Ich glaube, es liegt an uns selbst, was wir aus diesem Geschenk des Lebens machen. Wir selbst sind verantwortlich für die Qualität unserer Beziehungen, für unsere körperliche Fitness, für unseren Umgang mit Finanzen, für unsere Gefühle. Das zu akzeptieren ist gar nicht so einfach.

Aus diesem Grund haben es sich die meisten Menschen auch angewöhnt, den äußeren Umständen oder anderen Personen die Schuld dafür zu geben, wenn ihnen etwas in ihrem Leben nicht gefällt. Wir schauen selten das wirkliche Problem an, nämlich uns selbst.
Wir sollten damit aufhören, der Außenwelt die Schuld zu geben, wenn uns unser Leben nicht gefällt, denn wir selbst erschaffen uns die Lebensumstände durch die Art, wie wir äußere Ereignisse interpretieren und darauf reagieren.

Um Verantwortung für Dein Leben zu übernehmen, musst Du alle Deine Ausflüchte aufgeben, Deine  Opfergeschichten, all die Gründe, warum Du etwas nicht tun konntest oder Du Dich bislang nicht zu etwas aufraffen konntest. Du kannst nicht äußere Umstände oder die Vergangenheit verantwortlich machen oder als selbstverständlich voraussetzen, dass andere den ersten Schritt zu einer Veränderung tun.
Unglücklicherweise werden die meisten Menschen so sehr von ihren Gewohnheiten beherrscht, dass sie ihr Verhalten niemals verändern. Hier ist die gute Nachricht: Du kannst Dein Denken, Deine Art zu kommunizieren, die Bilder in Deinem Kopf (wie Du Dich und die Welt siehst) und Dein gesamtes Verhalten ändern.

Ich wünsche Dir daher, dass Du immer wieder die Kontrolle über Deine Gedanken, Deine inneren Bilder, Deine Träume und Tagträume sowie über Dein gesamtes Verhalten erlangst.

Ich wünsche Dir, dass Du Dir immer wieder bewusst machst, was Du denkst, sagst und tust, und dass dies auch Deiner Vision, Deinen Werten und Deinen Zielen entspricht.

Das meine ich mit voller Verantwortung.

Ich komme nun zu meinem zweiten Wunsch – und oberflächlich betrachtet kann es so aussehen, als widerspräche dieser Wunsch dem, was ich gerade gesagt habe. Mein zweiter Wunsch für Dich ist nämlich Demut.

Genau wie das Wort „Verantwortung“ ist „Demut“ ein Reizwort. Friedrich Nietzsche verglich Demut mit Sklavenmoral, und beschrieb sie als Haltung eines kriechenden Wurms, der nichts anderes im Sinn habe, als nicht getreten zu werden. Eine solche Definition von Demut meine ich nicht.

Ich möchte stattdessen Wolfgang Thierse zitieren, der sagte: „Demut ist das Bewusstsein von der Erbarmungswürdigkeit des Menschen. Das Bewusstsein, dass man Fehler und Irrtümer begeht und darauf angewiesen ist, dass einem andere verzeihen und vergeben und man selbst dazu bereit ist. [Demut ist] eine tiefere Einsicht in die Fehlbarkeit der eigenen Person. Und das Gefühl der Dankbarkeit für das, was gelingt.“
Wir sollten uns als gut gebildete, reiche und aufgeklärte Menschen, denen viele Chancen offen stehen, davor hüten, die Ungebildeten und Einfachen, die Kranken und Schwachen, die Unbegabten und Anstrengenden etwas von oben herab zu bemitleiden. Wir meinen oft, ganz genau zu wissen, was der Andere tun oder nicht tun sollte, und wir haben ganz schnell ganz viele gut gemeinte Ratschläge.

Aber wir wissen eigentlich nicht, ob es vielleicht in Wahrheit genau andersherum ist und wir die Bemitleidenswerten sind, wir diejenigen, die eine Veränderung und Hilfe noch viel nötiger haben. Diese Demut wünsche ich Dir.

Ich wünsche Dir auch die Art von Demut, zu erkennen, dass es Dinge gibt, die Du nicht ändern kannst. Demut, um zu verstehen, dass es Dinge gibt, die Du nicht einmal verstehen kannst. Demut, um zu erkennen, dass Du Dir nicht sicher sein kannst, dass Du nicht genauso schnell in der gleichen Situation bist, wie die Menschen, auf die Du jetzt noch mit guter Absicht, aber dennoch gönnerhaft, herabblickst.

Ich komme zu meinem letzten Wunsch an Dich: ich wünsche Dir, dass Du ein unerschütterliches Selbstwertgefühl entwickelst und pflegst und Du diesen Wert, wenn es sein muss, ohne Schuldgefühle verteidigst.

Selbstwertgefühl hat nichts damit zu tun, was für Fähigkeiten Du besitzt oder nicht, wie gut oder schlecht Du im Abitur abgeschnitten hast oder was Du generell alles im Leben erreichen kannst, sondern es hat damit zu tun, wahrzunehmen, wer Du Deinem Wesen nach bist und wie Du Dich selbst darauf beziehst, wer Du bist.

Das Wissen um den eigenen Wert als Mensch ist wahrscheinlich die wichtigste Grundlage für eine gesunde psychische und körperliche Entwicklung. Und obwohl wir dem alle bedingungslos zustimmen würden, haben wir diese Wahrheit nicht tief genug verinnerlicht. Wir messen unseren Wert als Menschen lieber daran, was wir erreicht haben und wir definieren uns lieber über unsere Leistungen. Wie sehr wir das tun, erkennen wir daran, wie wir reagieren, wenn wir im Vergleich mit anderen schlechter abschneiden.

Wenn man ein ausreichendes Selbstwertgefühl hat, ist persönlicher Misserfolg zwar traurig, aber überhaupt keine Tragödie – denn man kann sich sagen: »Ok, ich wollte zwar professioneller Musiker werden, aber ich bin leider nicht gut genug. Singe ich halt bei Abschlussfeiern, wo’s nicht so drauf ankommt!«

Wenn man aber kein Gefühl für den eigenen Wert entwickelt hat, und sich über Leistung definiert, bedeutet Misserfolg, dass die eigene Existenz bedroht ist. Typische Worte sind dann: »Ich habe versagt! Ich bin in allem schlecht! Was immer ich versuche, ich kann’s nicht. Wenn ich in den Spiegel schaue, merke ich, dass alle anderen viel schöner, viel klüger, viel erfolgreicher sind als ich!«

Deine Leistungen und dein Abiturzeugnis sagen gar nichts über Deinen Wert aus. Natürlich sind Ehrgeiz und der Wille zu guten Leistungen wichtig und richtig. Und mal ehrlich: Ein Mensch ohne Selbstwertgefühl wird grundsätzlich gar nicht in der Lage sein, irgendwelche beachtenswerten Leistungen zu erzielen.

Zumindest darin haben Dich Deine Lehrer bis zum Abitur gut unterstützt. Wir haben Dich gefördert, Dir geholfen, Dir Feedback gegeben und sicherlich auch die eine oder andere notwendige Disziplinierungsmaßnahme eingesetzt. Das ist unser pädagogisches Handwerkszeug. Aber ohne dass wir uns als Lehrer dessen bewusst sind, haben wir Dich oft nur bewertet und angeschaut, aber nicht immer wirklich wahrgenommen und gesehen. Vielleicht liegt das zum Teil auch daran, dass wir uns mit unserem eigenen Selbstwertgefühl schwer tun.
Deinen Wert kannst Du Dir nicht erarbeiten oder erkämpfen. Das Einzige, was Du tun kannst, ja sogar tun musst, ist darum zu ringen, diesen Wert zu erkennen.

Und das ist mein Wunsch Nummer drei:

Dass Du Dich so wahrnehmen und sehen lernst, wie Du bist.

Dass Du aufhörst, Dich zu verurteilen oder Dich ausschließlich über Deine Leistungen zu definieren.

Dass Du Menschen findest, die Dich nicht nur anschauen, sondern sehen.

Dass Du Dich selbst bemühst, hinter das Äußere zu schauen auf das Innere.

Ich kann es nicht oft genug sagen: blicke bei Dir selbst auf das, was hinter den Äußerlichkeiten liegt und sieh die Schönheit darin. Du »bist« und das ist wertvoll genug. Dieses Selbstwertgefühl wünsche ich Dir.

Meine Lieben, lange Rede, kurzer Sinn: Ihr seid fantastische Menschen und meine Kollegen und ich sind glücklich, Euch bis hierhin begleitet zu haben. Übernehmt die Verantwortung, seid demütig, entwickelt ein gesundes Selbstwertgefühl. Das wünsche ich Euch und danke Euch von Herzen für Eure Aufmerksamkeit.