Poesie zur Abendstunde


Gegen 21.30 Uhr stehe ich ratlos mit einigen anderen genauso ratlosen Menschen, die ich nicht kenne, vor einer leeren, hell erleuchteten Kneipe. Jemand klinkt an der Tür, aber die ist zu. Laut der Einladung auf Facebook, der ich gefolgt bin, sollte da drin eigentlich genau jetzt eine Veranstaltung beginnen, bei der Besucher eigene Gedichte und Texte auf deutsch oder in ihrer Muttersprache vorlesen können. Mein Zugang zur Poesie beschränkt sich darauf, dass ich mit meinem Sohn Reime aufsage, wie zum Beispiel: „Mir schmerzt der Nacken. – Das kommt vom … ähm … Holz hacken.“ So wie’s aussieht, wird mir also auch an diesem Abend die Tür zu tiefer Poesie verschlossen bleiben. Sauerei!

Kleine Gespräche entwickeln sich unter den Wartenden, man fragt sich, ob der andere denn auch zu dem Leseabend kommen wollte, was eigentlich eine blöde Frage ist, warum sollte man sonst hier herumstehen? Wir sind alle kurz davor, wieder unserer Wege zu gehen, doch da kommt Donna Rubia Inmakulada Artista Maníaka Grandiosa um die Ecke, eine Spanierin, die im Jahr zuvor an meiner Schule Fremdsprachenassistentin war. Kein einziger Schüler konnte ihren Namen fehlerfrei aussprechen, die meisten nannten sie Piña Colada oder kurz Maku. Maku ist Künstlerin, sie malt, schreibt Gedichte und klopft vor allem Steine und Metallstücke in neue Formen, so dass diese dann zu Kunstwerken werden. Sie lächelt, sagt „Holá!“ und tritt robust die Tür der Kneipe auf, die gar nicht abgeschlossen war, sondern nur ein bisschen klemmte. Wir anderen latschen ihr blöde lächelnd hinterher in den hinteren Bereich der Kneipe, wo ein Vorhang ist, der eine Treppe versteckt, die uns nach unten in eine Art gemütliches Kellergewölbe führt, das mit einer Bar und Theke ausgestattet, gut beheizt, schlecht beleuchtet und schon ziemlich voller Leute ist, die in allen möglichen Sprachen murmeln, die es seit dem Turmbau zu Babel gibt.

Ich setze mich auf einen der Barhocker und bestelle mir ein Bier an der Theke, damit ich mich notfalls an der Flasche festhalten kann, falls das hier zu übel werden sollte. Neben mir an der Theke sitzt eine junge Frau, deren Kopf über und über mit Tüchern bedeckt ist. Sie lächelt selig und ihre Augen sind auf einen imaginären Punkt am anderen Ende des Universums gerichtet, während sie ihren Körper rhythmisch auf dem Barhocker hin und her wackeln lässt und dabei ein Mantra murmelt. Ihre Hand liegt unruhig zuckend auf einem Stück Papier und ich befürchte, dass darauf Texte von ihr stehen, die sie hier vorlesen will. Meine Ängste werden sich bestätigen.

Es geht los. Eine bildhübsche Italienerin tritt in die Mitte des Raumes und beginnt nach einigen einleitenden Worten, einige ihrer Gedichte vorzusingen. Ihr ebenso bildhübscher Freund begleitet sie dazu auf der Gitarre, es sind sanfte Melodien, die jedoch so schnell gespielt werden, dass seine Finger nur noch verschwommen wahrnehmbar sind. Ich bin sofort hin und weg, obwohl ich fast nichts von dem verstehe, was sie da singt. Es ist auf jeden Fall etwas Schwermütiges, Andächtiges. Der Einstieg in den Abend ist gelungen und das Publikum ist ganz still geworden, jeder blickt ein bisschen wehleidig in sein Getränk. Die Macht der Poesie hat zugeschlagen.

Ein älterer Mann setzt sich an ein Keyboard und trägt ein Lied über seine Stadt vor. Er kommt aus Berlin. Und ich lerne durch sein Lied, dass sein Berlin voller Ratten ist. Ratten, die im Müll wühlen. Ratten, die in der Kanalisation treiben. Ratten, die ansteckende Krankheiten verbreiten. Von da schlägt der Sänger eine kakophonische Kurve zu den Menschen, die in Berlin im Müll ihrer zerbrochenen Gefühlswelt wühlen, Menschen, die in der Kanalisation ihrer geplatzten Träume dahintreiben, ja auch Menschen, die mit der Krankheit ihrer inneren Leere andere Menschen anstecken. Zum Schluss geht es wieder um Ratten. Und damit es wirklich jeder versteht, wird jede Strophe zwei Mal gesungen und erklärt, dass die Menschen aus Berlin auch ein bisschen wie Ratten sind oder dass es ziemlich dreckig zugeht in der Hauptstadt. Das Publikum klatscht, einige Männer verlassen den Raum, um mal schnell Hände waschen zu gehen. Der Sänger fragt: „Wer möchte als nächstes?“

Alle sind noch ziemlich verspannt von seiner Performance und niemand traut sich. Doch ein französischer Student, der mit Sicherheit den Inhalt des Liedes nicht verstanden hat und deshalb noch ungehemmt ist, drängt nach vorn. Er faltet nonchalant lächelnd ein rosafarbenes Blatt Papier auseinander (mit Sicherheit einparfümiert) und erläutert in gebrochenem Deutsch, er wolle ein „petit poème“ vortragen. Er beginnt und es klingt auf jeden Fall seidig geschmeidig. So wie er beim Vorlesen grinst, vermute ich, er hat allerhand schmutzige und versaute Sachen eingebaut, die aber auf französisch irgendwie klingen wie verschiedene Intonationen der Worte „Entre le Müschü.“ (mit weichem, stimmhaften „sch“). Er bekommt tobenden Applaus von den Herren im Saal, die Damen, die französisch sprechen haben rote Köpfe bekommen und nun sind sie es, die sich die Hände waschen gehen.

Die Stunde der jungen Frau mit den Kopftüchern ist nun gekommen. Sie erhebt sich und schwebt zum Mikrofon. Sie lacht hysterisch auf und beginnt, das Publikum auf das, was nun folgen soll, einzustimmen.

„Immer, wenn ich … naja, wenn ich … ähm … das folgende Gedicht vorlese, kippt die Stimmung der Zuhörer.“

Ich glaube ihr aufs Wort. Sie fährt fort:

„Weil, das ist so … naja … so tief … und irgendwie auch traurig und … das macht was mit dir. Irgendwie, so ein Stückweit.“

Das Publikum wird irgendwie so ein Stückweit unruhig, jeder will, dass sie anfängt.

„Na, ich fang dann mal an, nicht? Hihihi. Höhöhö. Huhuhu.“

Ich schäme mich fremd. Sie beugt sich – immer noch lachend – nach unten, drückt die Play-Taste eines CD-Spielers und hebräische Folklore schallt durch den Raum. „Hevenu Schalom Alachem! Alachem, Baruch Adonai! Ai ai ai! Ch Ch Ch!“

Zeit, mich an meiner Bierflasche festzuhalten. Das Gedicht beginnt. Während sie spricht beginnen mir Tränen die Wangen herunter zu laufen, weil ich mich so zusammenreißen muss, nicht laut aufzulachen. Ich kann mir unmöglich ihre Worte merken, aber ihr Gedicht klingt ungefähr so:

„Im Neu-Dheli meiner oligarchischen
Befangenheit im Kopf saugt sich
das nihilistisch trostlose Toben
nach oben
und lobt
mein Abendbrot.
Und dort an der sapphischen Saftpresse
klafft die Kraftfresse
vom Gevatter Tod!“

Nach zwölf weiteren, ähnlich apokalyptischen Neologismen in Reimform blicke ich, Hilfe suchend nach Luft schnappend, hinüber zu Donna Rubia Inmakulada Artista Maníaka Grandiosa, die kein Wort versteht und raune ihr zu: „Die Frau ist völlig Banane im Kopp!“

Maku sagt „Si, si. ¿Que?“

Ich flüstere: „She has suffered a lot, I guess!“

Und Maku ruft laut der Kellnerin an der Theke zu: „Si, si. Dos Tequilas, por favor!“

Das ist Poesie!