Er ist’s


Mein Großvater

Ich habe heute mit meiner Familie Abschied genommen von meinem lieben Opa Helmut. Als Kind verbrachte ich einen Großteil meiner Ferien bei ihm und meiner Oma auf dem Bauernhof und obwohl wir uns später viel seltener sahen, habe ich als Erwachsener eine sehr tiefe Verbindung zu ihm aufgebaut.

Immer wenn ich ihn besuchte gab es Zeiten, wo wir lange schweigend nebeneinander saßen. Dann erzählte er etwas aus seiner Kindheit oder aus dem Krieg. Dann schwiegen wir wieder lange. Das Schweigen war für mich genauso wertvoll, wie seine Erinnerungen.

Man kann kein Leben von fast 92 Jahren in wenigen Worten in einem Nachruf zusammenfassen. Was macht einem Menschen zu dem, der er ist?

Vieles aus dem Leben meines Opas ist unvorstellbar schrecklich und traurig – vor allem der verdammte Krieg, in dem sein Bruder an der Ostfront fiel und der die Familie heimatlos machte. Er selbst musste sowohl an der Ost- als auch an der Westfront kämpfen.

Einmal sagte er: „Mischa (er nannte mich immer so), ich hatte im Krieg ein paar Träume. Ich wollte wenigstens 40 Jahre alt werden, Schmied werden, eine Frau kennen lernen und zwei Kinder haben. Das habe ich alles geschafft.“ Dann lächelte er.

Mein Opa war Schmied. Später Gärtner. Er konnte alles zum Blühen bringen.

Vieles an seinem Leben war schön und bereichernd. Diese Dinge waren viel stärker in ihm als das Negative. Ich erinnere mich deutlich, wie sehr er in meine Oma verliebt war (und sie in ihn). Immer Blumen. Immer Küsse. Schrullige Witze, die nur die beiden verstanden. Sie waren 57 Jahre verheiratet, bis sie 2003 starb.

Er hat lange auf seinen eigenen Tod gewartet, ganz zum Schluss musste er sogar noch seinen Sohn, meinen Vater, beerdigen, der letzten September verstarb.

Mein Opa war kein Mann vieler Worte. Eines Tages, es war im März, überraschte er mich, als er mit Blick auf seinen Garten plötzlich ein Frühlingsgedicht von Eduard Mörike zitierte. Im Anschluss sagte er: „Das war eines der wenigen Gedichte, die ich in der Schule gelernt habe. Mit der Poesie hatten es die Nazis nicht so. Die spricht zu sehr die Seele an, und die wollten ja, dass man HART wird! Unzerbrechlich! Was für Idioten!“

Hier ist das Gedicht. Ruhe in Frieden, mein lieber lieber Opa.

Er ist’s (von Eduard Mörike)

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!

 

Helmut Klarfeld, 1925-2017 (Graphit & Bleistift, 30×40 cm)