Digitale Malerei – Ein Einblick


In diesem Artikel stelle ich meine Herangehensweise an ein digitales Gemälde vor, also ein Bild, was ich direkt am Computer male. Es geht außerdem um einige Gedanken zum „Digital Painting“.

Hierzulande ist dieses Thema relativ unterbelichtet und es gibt auch kaum deutschsprachige Literatur dazu. Der deutsche Ableger einer Zeitschrift für Digitales Malen namens „2D Artist“ wurde nach wenigen Ausgaben aufgrund fehlender Leserzahlen abgesetzt. Die Namen der führenden Künstler in der Szene kann man an einer Hand abzählen, man kennt sich von Conventions oder hat zumindest mal voneinander gehört. Irgendwie scheint dieser künstlerischen Ausdrucksweise ein Makel anzuhaften, weil eben alles am Computer ausgeführt wird. Das ist bequem. Da kann man tricksen. Das ist dann irgendwie nicht echt. Das hat nichts mit dem traditionellen Handwerk zu tun. Ich erlebe immer mal wieder, dass mir Leute sagen: „Malst du denn auch richtig? Ich meine, mit dem Pinsel und so.“

Ja, mit dem Malen tat ich mich immer ein bisschen schwer. Beim Studium kamen meist zwei mögliche Ergebnisse dabei heraus: entweder zu bunte oder zu flache Bilder. Das Zeichnen hat mir schon immer mehr gelegen, weil es hier nur um zwei Werte geht: hell im Verhältnis zu dunkel. Mit Farbtönen und Sättigung kommen noch einmal ganz andere Welten dazu. Digitales Malen ermöglicht mir, zu probieren und rückgängig zu machen, was misslingt. Es geht schneller als traditionelles Malen, weil ich nicht warten muss, bis die Farbe trocken ist, es stinkt nicht nach Terpentin und es braucht kein Atelier und passende Lichtverhältnisse dazu. Trotzdem ist die Vorgehensweise eine ähnliche, wie beim analogen Arbeiten.

Ein ordentliches Werk beginnt immer mit einer Skizze, je nach Bedarf nimmt man Vorlagen und Referenzbilder dazu. Die Skizze kann direkt am Rechner entstehen oder mit Bleistift auf Papier (was mir persönlich lieber ist), danach muss man die Zeichnung einscannen und „übermalt“ sie. Die Pinselbewegungen macht man mit einem Stift, der sich Stylus nennt, auf einem Grafiktablet. Ich benutze ein Wacom Intuos – ich glaube, es gibt da kaum nennenswerte Konkurrenz zu dieser Firma. Je nach Malprogramm kann man mit dem Stylus unzählige „Pinselstriche“ imitieren, von brüchiger Kreide über Wasserfarbe, die verläuft, bis hin zu pastosem Farbauftrag mit Borstenpinseln – alles machbar.

Der Hintergrund der Skizze wird „grundiert“, denn ein rein weißer Hintergrund lenkt ab und verfälscht das Farbempfinden. Die einzelnen Teile des Bildes werden mit Grundtönen gefüllt, dann legt man dunklere und hellere Bereiche an. Hier kommt ein echter Vorteil des digitalen Malens zum Tragen: man arbeitet auf verschiedenen Ebenen. Das kann man sich so vorstellen, als würden Folien übereinander gelegt werden – es gibt eine Hintergrund-Folie, eine mit den Grundtönen, eine mit Schattierungen etc. Es gibt Puristen, die das Arbeiten mit Ebenen vermeiden, um authentischer zu sein, das ist dann so was wie künstlerischer Masochismus, würde ich meinen.

Die eigentliche Arbeit an einem Gemälde besteht in dem Mischen und Überblenden der Farben und in der Ausarbeitung von Details. Das ist in etwa so zeitaufwendig, wie traditionelles Malen minus Trocknungszeit. Es hilft, immer mal wieder Pausen einzulegen, das Bild eine Weile ruhen zu lassen und dann mit frischen Augen zu sehen. Ein kleiner Trick, der hier gut funktioniert, ist, das Bild zu spiegeln. Dadurch werden sofort Mängel in der Komposition sichtbar. Für ein ordentliches Bild gibt es auch hier keine Abkürzungen oder schnellen Ergebnisse – es dauert Zeit, braucht Ausdauer und Geduld. Auf Youtube sieht man viele Tutorials, die diesen Teil im Schnelldurchlauf oder gar nicht zeigen – und hier scheitern die Anfänger immer. Zwischen den Sätzen: „Zeichne zwei Kreise,“ und „Beende dein tolles Portrait,“ liegen Welten.

Trotz aller Begeisterung für digitale Malerei gibt es ein paar Sachen, die mich stören. Was mich etwas irritiert ist die Möglichkeit der bloßen „Technik“. Wenn ich im Internet den Begriff „Digital Painting“ eingebe, finde ich sofort tausende technisch perfekte Gemälde – die meisten jedoch erscheinen mir seelenlos. Die digitale Kunstszene bringt hauptsächlich die folgenden drei Motive hervor: (1) Frauen mit großen Schwertern oder großen Schusswaffen (Sigmund Freud hätte seine Freude dran), (2) anatomisch überzeichnete Fantasy oder Sci Fi Monster/Helden, die gerade irgendeinen Gegner bedrohen/bekämpfen/töten/essen oder (3) Elfen, die im Gesicht (meißt in Höhe der Schläfen) komische Blätter/Schmetterlinge/Glitzerzeugs/Henna Tattoos haben. Ohne Frage wunderschön gemalte Bilder, aber es läuft mir oft zu sehr auf Artistik und zu wenig auf Tiefe hinaus. Das ist natürlich nicht unbedingt ein Merkmal digitaler Künstler, die gleichen Motive gab es ja schon in den 80er und 90er Jahren bei den vielen Airbrush-Künstlern und über Geschmack lässt sich bekanntlich endlos streiten.

Der größte Schwachpunkt digitaler Malerei für mich ist die „fehlende Haptik“, das heißt, ich habe keine greifbare räumliche Erfahrung beim Malen. Das fertige Bild müss in irgendeiner Form gedruckt werden, um für mich wirklich „präsent“ zu werden. Digitale Bilder bleiben aber (wie viele Digitalfotos) eben nur digital und werden über Facebook oder in meiner Online-Galerie veröffentlicht. Das gleiche ich aus, indem ich immer wieder zu Papier und Bleistift greife und analog arbeite. Es ermutigt mich auch, wirklich mal mit Ölfarben zu malen.